Montag, Dezember 10, 2018
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Interview mit Mick Herron von Anna von Planta und Kerstin Beaujean – Mick Herron „Slow Horses“

Mick Herron, Slow Horses ist der erste Fall der neuen Agentenserie bei Diogenes rund um den MI5-Agenten Jackson Lamb. Wie würden Sie die Reihe beschreiben?
Mick Herron: Ich habe versucht, sehr viel Londoner Atmosphäre darin unterzubringen. Ich hatte große Lust, etwas über die Londoner City zu schreiben, mit all ihren Facetten. Aber abgesehen davon hoffe ich, dass die Figuren die Bücher tragen. Ich schreibe gerne über eine bestimmte Art von Personen in bestimmten Situationen. Es sind alles irgendwie frustrierte und gescheiterte Individuen, die mit persönlichen Problemen kämpfen, welche ihr Leben bestimmen würden, wenn sie das zuließen – Alkohol oder Drogen zum Beispiel. Und so schreibe ich über Menschen, die mit ihren eigenen Sorgen ringen und gleichzeitig mit den größeren Problemen der Gesellschaft, die die Welt ihnen in den Weg wirft, etwa in Form von Terroranschlägen oder größeren politischen Verwerfungen.

Die Serie spielt in London u. a. in einem dunklen Londoner Außenbezirk – wie realitätsgetreu sind die Schauplätze?
Mick Herron: Das Viertel in London, in dem sich ›Slough House‹ befindet, gibt es tatsächlich, und ich versuche, es so genau wie möglich zu beschreiben. Mein ›Slough House‹ ist so etwas wie ein Abstellgleis für gescheiterte Agenten des Geheimdienstes MI5. Soweit ich weiß, gibt es so etwas nicht wirklich, aber das Gebäude, das ich beschreibe, sehr wohl, nämlich bei der U-Bahn-Station Barbican. Dort bin ich früher jeden Tag auf dem Weg zur Arbeit vorbeigekommen. Allerdings habe ich keine Ahnung, was in diesem Gebäude, in diesen Büros, vor sich geht. Ich bin mir aber ziemlich sicher, dass es nichts mit dem Geheimdienst zu tun hat.

Wer ist die Hauptfigur Ihrer neuen Agentenserie?
Mick Herron: Jackson Lamb ist sozusagen die durchgängige Hauptfigur der Serie, mit der alle anderen Figuren zu tun haben, weil er der Leiter von ›Slough House‹ ist. Er ist für seinen Autor ein bisschen rätselhaft, und ich hoffe, ebenso für die Leser. Einer seiner Mitarbeiter sagt einmal zu ihm, dass er nach dem Fall der Berliner Mauer selbst eine gebaut hat, und zwar eine um sich herum. Er lebt immer noch im Kalten Krieg, während dem er, vor langer Zeit, Geheimagent gewesen war. Jetzt ist er kein Geheimagent mehr und in vielerlei Hinsicht sehr verbittert. Es macht ihm großen Spaß, andere Menschen zu verletzen. In jeder Situation wird er das Schlimmstmögliche sagen. Er tut dies mit Absicht, aber ohne konkretes Ziel. So ist er eine Art überlebensgroßes, überhebliches Monster. Trotzdem folgt er einem sehr klaren Moralkodex, und dieser Kodex besteht darin, seine Agenten zu schützen. Für mich als Autor liegt der Spaß darin, Situationen zu erfinden, in denen er seine Faulheit und seine schlechten Angewohnheiten und seine Beleidigungen beiseitelegt und tatsächlich etwas unternimmt. Darum geht es beim Erfinden von Plots.

In Großbritannien wurde der erste Jackson Lamb-Fall bereits 2010 veröffentlicht. Darin beschreiben Sie ein politisches Klima, das uns jetzt, kurz vor dem Brexit, nur allzu bekannt vorkommt. Haben Sie den Brexit kommen sehen?
Mick Herron: Als ich vor einigen Jahren in Slow Horses eine meiner Figuren zu einer anderen sagen ließ: »Wir werden Europa verlassen, entweder in dieser Legislaturperiode oder in der nächsten«, war das nicht als Prognose gemeint. Es sollte nur ein Indiz dafür sein, wie durchgeknallt diese Figur war. Denn ich glaubte damals keine Sekunde lang, dass das tatsächlich passieren würde. So wurde ich durch Zufall zum Propheten. Und ich muss sagen, dass ich nicht sehr glücklich darüber bin, dass meine Prophezeiung wahr geworden ist.

Foto: Alberto Venzago / © Diogenes Verlag