Freitag, November 16, 2018
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Vikingur Olafsson veröffentlicht Kurzfilm zu einem Stück seines neuen Albums „Bach“

Mit dem Filmemacher Magnus Leifsson drehte er ihn in einer Fischfabrik auf Island.

Die Musik Johann Sebastian Bachs als Soundtrack eines inneren Aufbruchs, einer Befreiung, einer Reise. Im September erscheint das neue Album Bach des isländischen Pianisten Vikingur Olafsson. Vorab hat der 34-Jährige mit dem Filmemacher Magnus Leifsson ein wunderbar wehmütiges, alles andere als weich gezeichnetes Video zu einem Stück des Albums abgedreht.

Isländische Filmkunst trifft auf Bachs universelle Tonkunst. Tristes monotones Grau-in-Grau illustriert seine verträumt klingenden melodischen Klangpatterns. Mit dem Video gelingt dem jungen, street-crediblen Regisseur Leifsson, bekannt für seine Arbeit mit Hip Hop-Künstlern wie Úlfur Úlfur, ein weiterer Coup im Klassik-Genre, nach seinen Arbeiten mit dem isländischen Techno/Soundtrack/Neo-Klassik-Grenzgänger Olafur Arnalds. Mit kontrastreichen Bildern, ungewöhnlichen Einstellungen, in ganz reduzierter Erzählweise liefert Leifsson hier eine symbolträchtige Story mit offenem Ausgang.

Vor einer bleischweren Kulisse zeigt er einen Mann, immer allein, dessen Tage daraus bestehen, von seiner trostlosen Wohnung in einer Neubausiedlung zu seinem Job in einer Fischfabrik zu gehen, wo er im Schutzanzug am Fließband arbeitet. Vikingur sitzt neben ihm am Klavier und spielt mit geschlossenen Augen Bachs Prelude und Fuge in e-Moll (BWV 855a) in der Transkription Alexander Silotis. Wo Olafsson sich an anderen Stellen seines anstehenden zweiten Albums für Deutsche Grammophon als kühn voran reitender Virtuose offenbart, wird er in diesem meditativen Stück ganz minimalistisch und introvertiert. An einem Wendepunkt der Handlung durchbricht der Mann aus dem Prekariat schließlich die Konformität, verlässt die Fabrik und steuert mit einem Ruderboot aufs offene Meer hinaus.

Olafsson und Leifsson filmten in einer Fischfabrik auf Island, in welcher de facto ein Piano steht. Mit dem Fisch als urchristlichem Symbol verweisen sie auf die Mystik, die Unendlichkeit Bachs, dessen Werk heute wie eine musikalische Meta-Ebene ist, wandelbar wie Wasser, in dem Komposition, Transkription und Interpretation ineinander fließen. „Bach trägt alles in sich“, kommentiert Olafsson.

EIN UNIVERSUM NAMENS BACH

Víkingur Ólafsson veröffentlicht sein zweites Album für Deutsche Grammophon: Bach – eine forschende Annäherung an den Meister des Kontrapunkts, den zum einen Sinnlichkeit des Klangs, zum anderen kompromisslose Objektivität charakterisieren.

Nach seiner erfolgreichen Aufnahme von Klavierwerken von Philip Glass hat der isländische Pianist Víkingur Ólafsson jetzt ein zweites Konzeptalbum für Deutsche Grammophon eingespielt. Das Album, das im September 2018 erscheint und den schlichten Titel Bach trägt, enthält neben Originalwerken von Bach inspirierte Transkriptionen von Komponisten wie Rachmaninow, Busoni und Ólafsson selbst. Der für seine innovativen musikalischen Projekte bekannte Pianist bietet den Zuhörern hier eine sehr persönliche Sicht von Bachs komplexer Klaviermusik in all ihrer reichen Vielfalt. In der Saison 2018/19 wird Ólafsson Musik aus dem Album live an verschiedenen Orten aufführen, beispielsweise im LSO St Luke’s in London, im Louisiana Museum of Modern Art in Humlebæk (Dänemark), in der Laeiszhalle in Hamburg und in der Berliner Philharmonie.

»Ohne Bach wäre alles nichts«, sagt Víkingur Ólafsson. Er muss es wissen. Seit seiner Kindheit begleitet ihn die Musik von Johann Sebastian Bach, mit keinem Komponisten hat er sich intensiver auseinandergesetzt. Dem Meister des Kontrapunkts widmet Ólafsson nun seine neue Veröffentlichung, sie kommt im September 2018 bei Deutsche Grammophon heraus. Das Album selbst ist wie eine Komposition: Originalwerke und Transkriptionen werden kunstvoll zueinander in Beziehung gesetzt – Bach und Busoni, Kempff und Siloti, Rachmaninow und Ólafsson reichen sich die Hand im Spiel mit Bachs Tonsprache.

Vor anderthalb Jahren hat Ólafsson schon einmal die Klassikwelt aufhorchen lassen. Anfang 2017 erschienen seine Solo-Klavieretüden von Philip Glass. Seither steht Ólafsson auf den Bühnen der Welt, er gilt als smarter Newcomer der Szene: Ein blitzwacher Geist, 34 Jahre jung, Isländer, reflektierter Kosmopolit und brillanter Musikversteher.

Auf Glass folgt nun Bach, auf den Schöpfer dichter Minimalstrukturen der denkbar komplexeste Tondichter. »Wenn Glass’ Musik Minimal Music ist, dann ist Bach maximal«, sagt Ólafsson und lacht. »Es gibt bei Bach keinerlei Angaben zu Tempo und Dynamik«, erklärt er. »Dadurch hatte ich eine ähnliche Freiheit wie bei Glass.« Als Interpret müsse man umso investigativer vorgehen und sehr viel von sich selbst in die Musik einbringen. Für Ólafsson war das ein Geschenk. Sein Bach kommt schlank und schnörkellos daher, gleichzeitig ist er ungemein expressiv und gefühlsintensiv. »Ich kann es nicht ausstehen, wenn Bach sentimental gespielt wird. Ich ertrage aber auch keinen zu kalkulierten und mathematischen Bach«, sagt Ólafsson. »Bach trägt alles in sich: Eine perfekte Architektur und tiefe Emotionen. Das alles im selben Moment zu zeigen, ist die größte Herausforderung.«

Für den schmalen jungen Mann mit den hellwachen Augen hinter runder Brille war Bach der beste Lehrer. Was hat ihn die Beschäftigung mit Bachs Werk gelehrt? »Die Demokratie von Musik«, sagt er. »Jede Stimme zählt, nie ist etwas zweitrangig, auch wenn es scheinbar nur die Begleitung darstellt.« Für Ólafsson wird der Interpret bei Bach zum virtuosen Puppenspieler, er führt die Melodien, lenkt die Stimmen und lässt sie miteinander tanzen.

Ein Ozean. Ein Universum. Ein göttlicher Urquell. Die Assoziationen zu Bach sind bilderreich; seine Musik ist nur schwer auf einen Nenner zu bringen. »Es gibt nicht nur einen Bach. Da ist nicht nur der ernsthafte, der christliche und der große Bach. Da ist auch der verspielte Bach, der provokative Bach, der extrem kreative Bach, der spektakuläre Bach und jener Bach, der die Grenzen dessen ausgelotet hat, was auf dem Instrument überhaupt möglich ist«, sagt Ólafsson. All diese Facetten wollte er auf seinem neuen Album zeigen. So feilte er monatelang am Programm des Albums und an einer perfekten Abfolge der Stücke.

Das Ergebnis sollte einer großen, fließenden Komposition gleichen, in der Originalwerke von Bach und Transkriptionen seiner Werke den zeitlosen Charakter der Musik offenlegen. Genau das ist Ólafsson gelungen; die feinen thematischen und harmonischen Bezüge zwischen den einzelnen Werken ergeben eine innere Ordnung, die sich beim Hören intuitiv erschließt. Auszüge aus dem Wohltemperierten Klavier wie das Präludium und die Fuge in e-Moll BWV 855 oder das Präludium und die Fuge in D-Dur BWV 850 sowie kontrapunktische Kleinode wie die Sinfonia Nr. 15 h-Moll BWV 801 und die Invention Nr. 15 h-Moll BWV 786 zeigen Bachs Kompositionskunst auf engstem Raum und setzen ihn als »Meister der Kurzgeschichte« in Szene, wie Ólafsson ihn nennt.

Daneben treten Komponisten wie Sergej Rachmaninow mit seiner Bearbeitung von Bachs Gavotte aus der Partita Nr. 3 für Violine E-Dur BWV 1006, Ferruccio Busoni mit seiner Transkription des Chorals »Ich ruf zu dir, Herr Jesu Christ« oder Alexander Iljitsch Siloti mit Bachs Präludium Nr. 10 e-Moll BWV 855a, das er in seiner Bearbeitung nach h-Moll transponierte. Von Víkingur Ólafsson selbst stammt eine faszinierende Bearbeitung der ersten Arie aus der Solo-Kantate für Altstimme »Widerstehe doch der Sünde«. Das architektonische Zentrum des Albums ist die Aria variata BWV 989; den packenden Abschluss bildet die ebenso selten gespielte Fantasie und Fuge a-Moll BWV 904.

Eine letztgültige Antwort, wie Bach nun zu interpretieren sei, gibt es für Ólafsson nicht. »Wenn jemand meint, die Lösung mit Bach gefunden zu haben, dann liegt er ziemlich sicher falsch«, sagt er. Stattdessen gebe es bei Bach »ganz wunderbare Fragen, die man stellen kann, und unendlich viele Möglichkeiten, seine Musik zu verstehen und zu spielen«. Ólafsson liebt es, Frage und Antwort an den Tasten zu ergründen.