Dienstag, Oktober 23, 2018
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Charlize Theron in TULLY zwischen Mutterglück und Wahnsinn

Was es bedeutet, als Frau in heutiger Zeit „alles“ zu haben, eine leistungsstarke und liebende Powerfrau zu sein. Partnerschaft, Kinder, Job, Wohlstand – stetig im Prozess der Selbstoptimierung und dabei doch so nahe am Rande des Kollapses. Zum Dilemma führt nämlich: Im Zeichen der lang ersehnten und hart erarbeiteten Emanzipation möchte sich das weibliche Geschlecht umso stärker beweisen. Das artet gelegentlich in Overperformance und Erwartungsdruck an sich selbst aus. Doch Erschöpfung könnte als vermeintliche Schwäche ausgelegt werden. Wenn dann noch ein eklatanter Schlafmangel hinzukommt, weil ein Abschalten vom Tag nicht klappt oder ein Neugeborenes nachts versorgt werden muss, droht schnell ein leerer „Akku“.

Doch wenige Mütter trauen sich, über all diese Sorgen und Ängste des Alltags offen zu sprechen. Nachdem bereits Filme wie „Der ganz normale Wahnsinn“ mit Sarah Jessica Parker den Spot auf das Leben von Power-Mums richteten, haben die Oscar®-prämierte Drehbuchautorin Diablo Cody und Jason Reitman für ihr neuestes Meisterwerk TULLY dieses unausgesprochene Thema zur Leitidee gemacht. Und zwar auf unglaublich wundervolle, warmherzige und humorvolle Weise! Einfühlsam und scharfsinnig wirft TULLY einen ehrlichen Blick auf das Muttersein:

In das Leben der dreifachen und erschöpften Mutter Marlo (Charlize Theron) tritt die junge und witzige Tully (Mackenzie Davis), die ihr als „Night Nanny“ zu mehr Ruhe und Schlaf verhelfen soll. Auch wenn Marlo vorerst extrem skeptisch gegenüber dem System „Nanny für die Nacht“ ist, beginnt eine einzigartige Freundschaft zwischen den beiden. Tully stellt Marlos Leben so was von auf den Kopf, ihr werdet überrascht sein!

Koffeinfreier Kaffee – ja oder nein?!
Marlo erlebt in TULLY anstrengende Tage – als Mutter von zwei kleinen Kindern und außerdem hochschwanger, gehetzt von Termin zu Termin. Obendrein leidet der kleine Sohn Jonah an einer neurologischen Störung, braucht viel Zuwendung und hat Probleme in der Schule. Ehemann Drew (Ron Livingston) wurde gerade erst befördert und muss den ganzen Tag lang schuften oder auf Dienstreise unterwegs sein. Da bleibt die meiste Arbeit mit den Kids an Marlo hängen. Wenn sie dann noch während einer kurzen Auszeit im Coffee Shop, die Kundin nebenan belehren möchte, dass koffeinfreier Kaffee trotzdem Spuren von Koffein enthalten kann, hängen die Nerven am seidenen Faden. Damit spiegelt TULLY einen Trend der Gesellschaft wieder: Mütter und werdende Mütter stehen gegenwärtig immer wieder unter Erwartungsdruck, perfekt und angepasst handeln zu müssen.

Pizza for Dinner
Marlo ist manches Abends in TULLY so abgeschlagen, dass die Energie für kaum mehr als die Tiefkühlpizza als Abendessen reicht und fragende Blicke ihres Mannes erzeugt. Der Gegenwartstrend geht hin zu einer bewussten Ernährung, vor allem für die Kinder. Aber jeden Tag gesundes Essen zuzubereiten, kann auch ziemlich viel Zeit und Aufwand bedeuten. Und kollidiert leider mit dem Alltag einer erschöpften Allrounder-Mum. In TULLY bringt Marlo ihre Kids mit nackten Tatsachen am Tisch dann noch so richtig zum Staunen…

Von Gigolo Doku Soaps berieselt einschlafen
Während Marlo die nächste Muttermilch-Portion abpumpt und versucht, ein wenig abzuschalten, hilft ihr das klassische Entertainment TV: Abgehalfterte alte Männer werden hier von jungen Frauen umworben. Die studierte und clevere Marlo könnte sich natürlich auch anspruchsvolles Kulturprogramm einverleiben, ist aber schlicht und einfach zu müde, um mehr aufzunehmen. Geschweige denn TV zu schauen ohne auf dem Sofa einzuschlafen. Und so ist es doch auch irgendwie im wahren Leben: Das Buch wird gegen die seichte Netflix-Serie oder Trash-TV getauscht, Berieselung ohne großartig nachdenken zu müssen. Eine kleine Pause für den müden Kopf.