Deichkind in Mönchengladbach. Aber warte, war das nicht erst nächsten Monat? Richtig, am 05.August spielen Deichkind, wie schon vor zwei Jahren, im SparkassenPark Mönchengladbach. Aber wieso dann jetzt plötzlich...? Dieser Termin hat sich nicht verschoben, er hat nur eben etwas Zuwachs bekommen. Doch statt Open Air und vor rund 9.000 Gästen, wird es am heutigen Montagabend klein, stickig und intim.


250 Tickets gab es für diese spontane Überraschung, die erst in der letzten Woche bekannt gegeben wurde. 250 Karten, die man nicht etwa kaufen, sondern ausschließlich gewinnen konnte. 250 Gäste, die ein unvergesslicher, unvergleichbarer, unverwechselbarer Abend erwartet. Und weil 250 eine vergleichsweise kleine Zahl ist, bitten Deichkind nicht vor großer Bühne zum Tanz, sondern im kleinen Strandhaus des SparkassenParks zur wilden Party.


Porky, Kryptik Joe und Ferris ? das sind für viele, einschließlich mich, Helden der Kindheit und Jugend. Deichkind, die Band, an der man in hiesigen Gewässern niemals vorbeikommen könnte. Nach 20 Jahren Bandgeschichte, 6 erfolgreichen Alben und unzähligen Live-Konzerten, die ihres Gleichen suchen, ist das Hamburger Kollektiv nicht müde zu kriegen. Wie auch, wenn jeder Song die Beine unkontrolliert zum Wackeln bringt, die Texte frech wie eingängig sind?


Denkt man an Deichkind, kommen uns unweigerlich Bilder von großen, bunten, wilden Bühnenperformances in den Kopf. Ein riesiges Fass im und ein Schlauchboot über dem Publikum, Trampoline, Lichtshows, welche das Hirn kaum in so kurzer Zeit verarbeiten kann, abgefahrene Kostüme. Doch wie funktioniert das in einem winzigen Raum, in dem kaum Gäste Platz finden?


Betritt man an diesem Montagabend das Strandhaus, hört man hinter der Türschwelle nicht selten erstauntes, verblüfftes Lachen und den Satz "DAS ist die Location?". Das Strandhaus ist klein wie fein, bietet dank riesiger Fensterfront Blick auf den SparkassenPark und besitzt eine Bühne, die den meisten Besuchern nicht einmal bis zu den Knien ragt. Absperrung? Fehlanzeige. Auf der Bühne ein selbstgemaltes Banner und ein altes Sofa, das in seiner jetzigen Form schon in wenigen Augenblicken nicht mehr existieren wird.


Das Publikum trudelt nach und nach ein, ist ein buntgemischter Haufen, manche von ihnen sogar noch etwas bunter. Neonfarbende Akzente in Gesichtern und auf Kleidung, selbstgebastelte LED-Hüte ? Mönchengladbach weiß, wie man ein Deichkind-Konzert besucht.


Kurz nach 21 Uhr, als es draußen langsam dämmert, beginnt der surreale Wahnsinn im Strandhaus. Die Boxen werden bis zum Anschlag aufgedreht, vor der kleinen Bühne stehen die aufgeregten Fans eng zusammen, niemand weiß, was die nächsten Minuten passieren wird. Nach "Oma gib Handtasche"-Intro stehen da ein halbes Dutzend Menschen in sonderbaren Bühnenkostümen vor dem tobenden Mob. Die Euphorie der kleinen Masse gerät vollends außer Kontrolle, als Deichkind schon als Einstieg "Remmidemmi (Yippie Yippie Yeah)" performt. "Deine Eltern sind auf einem Tennisturnier..." ? die Anfangszeilen werden einstimmig mitgegröhlt, Arme werden in die Luft geworfen. Das erste Sofakissen fällt der Band zum Opfer, es wird aufgeschlitzt, Federn fliegen durch den ganzen Raum.


Es sind 70 Minuten pure Absurdität. Zu den Federn mischen sich Bier- und Sektduschen, schillerndes Konfetti fliegt durch den Raum, Teile der Band stagediven. Die Scheiben des Strandhauses beschlagen nach wenigen Songs, die Temperatur im Raum steigt stetig, die Stimmung ebenso. Nicht nur die Umstände, auch die Setlist der Band ist heute außergewöhnlich. Es werden Songs gespielt, die man so live kaum oder nie zu hören bekommt. Die Reaktion der Gäste? Eskalation.


Selbstredend haben Deichkind auch große Hits in petto. Zwischen "Illegale Fans", "Arbeit Nervt" und "So?ne Musik" bleibt kaum eine Verschnaufpause. Ein großes, subjektives Hightlight? "Aufstand im Schlaraffenland", namensgebender Track des 2006 erschienenen Albums, das auch "Remmidemmi" beinhaltet. Während man mitsingt und Realität links liegen lässt, fliegen weiter fröhlich Federn durch den Raum, verfangen sich in Haaren, bedecken den Boden und werden durch tanzende Füße erneut aufgewirbelt.


Bevor das alles vorbei ist, stellen Porky und Kryptik Joe die wichtigste Frage des Abends: "Mönchengladbach, möchtest du mit mir ans Limit gehen?" Die Resonanz ist eindeutig. Alle geben noch einmal alles, sind beim 15 Jahre alten Deichkind-Hit textsicher und springen durch das Meer aus Federn und Konfetti. Dank fehlender Absperrung stehen während der letzten Verse plötzlich noch viel mehr Menschen auf der winzigen Bühne, einen großen Bewegungsradius gibt es nun für niemanden mehr, die Band verschwindet zwischen ihren schwitzenden Fans.


Wenig später ist das Strandhaus wieder in der Realität angekommen, die meisten Gäste schnappen draußen frische Luft, das Strahlen der Menschen ist nicht zu übersehen. Für kleine und große Fans gibt es von der Band noch Fotos und Autogramme, so nah wird man ihnen wohl kaum nächsten Monat kommen. Langsam leert sich der kleine Platz vor dem Strandhaus. Wer morgen keine Federn in seiner Kleidung findet, war nicht dabei.


Die einzige Frage, die sich mir noch stellt: Wer räumt denn jetzt wieder auf?

 
 


Anna Fliege 
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