Samstag, Dezember 5, 2020
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ALMA DEBÜTALBUM „HAVE U SEEN HER?“ ERSCHEINT AM 15.05.2020

Wenn es darum geht, Pop-Smash-Hits zu schreiben, sieht Alma die Sache recht nonchalant. „Singles zu veröffentlichen, ist einfach“, sagt sie mit einer Selbstverständlichkeit, wie sie vermutlich nur Künstler an den Tag legen können, deren Releases die Grenze von 500 Millionen Spotify-Streams längst überschritten hat.

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Und in der Tat: das Songwriting, bei Alma stets von einer erfrischen Punk-Attitüde durchwirkt, scheint der 24-jährigen Finnin beneidenswert leicht von der Hand zu gehen. In nur drei Jahren hat das Universaltalent mit den Textmarker-farbenen Haaren die Spitze der weltweiten iTunes-Charts erobert, u.a. mit unentrinnbaren Hits wie „Phases“ (feat. French Montana) und dem Platin-zertifizierten „Chasing Highs“. Ihre jederzeit mitgröhlbaren Hooklines und unwiderstehlichen Melodien haben aber nicht nur die Herzen und Ohren ihrer Fans erobert, sondern auch die der internationalen Pop-Elite: Miley Cyrus, Charli XCX, Lana Del Ray und Ariana Grande gehören zur prominenten Kundschaft, die bereits Almas Kompositions-Skills in Anspruch nahmen.

Nun ist jedoch der Zeitpunkt gekommen, um sich wieder ihren eigenen Releases zuzuwenden – wie z.B. ihrem Debütalbum „Have U Seen Her?“, das sie in Kürze auf die Welt loslassen wird. Der Longplayer enthält so ziemlich alles, was man vor Alma erwarten konnte – und noch vieles mehr. Die Songs entstanden unter der Regie von Executive Producer Justin Tranter, in dessen Vita sich u.a. Arbeiten mit Ariana Grande, Justin Bieber, Julia Michaels und Selena Gomez finden. „Have U Seen Her?“ ist ein Album, auf dem das tapfer aufrecht erhaltenen Schutzschild Schicht für Schicht abgetragen wird und dabei bislang verborgene Tiefen und Wahrheiten zum Vorschein kommen (natürlich stets serviert mit trademarkhaften, majestätischen Hooklines). Paradoxerweise ist dieser Schritt, trotz Almas Hang zum gelegentlichen Droppen der einen oder anderen „F-Bombe“, ihr bislang mutigster. „Ich wollte nicht einfach nur zehn zufällige Songs mit Single-Qualitäten zusammenstellen“, sagt sie mit Nachdruck. „Ich wollte eine Platte machen. Das ganze Album ist mehr als persönlich. Obwohl ich noch jung bin, habe ich schon jede Menge Sachen gemacht, und ich habe schon sehr viel gesehen. Und ich möchte darüber sprechen. Es hat ein wenig gedauert, bis ich die richtigen Leute um mich hatte. Aber jetzt bin ich bereit.“

Die Aufnahmen zum Album fanden zwischen Los Angeles und Helsinki statt. Gleich der Album-Opener (und Titelsong) hat es in sich: „Have U Seen Her?“ kommt mit einer ordentlichen Portion Nineties-Punk-Reminiszenzen daher. „Der Song ist eine Ode an all jene, die manchmal das Bedürfnis verspüren, aus dieser Welt zu entkommen, wenn alles zu viel wird, sei es nun mental, emotional oder physisch“, erklärt Alma. „Ich renne, renne, renne wie ein Psycho. Immer.“

Dem Eskapismus von „Have U Seen Her?” folgt die Wut. „Der Song ‚Worst Behavior‘ handelt von dem „finsteren Zustand, in dem sich die Welt derzeit befindet“, sagt sie. Alma beschreibt darin, wie „unglaublich frustriert“ sie angesichts der Mächtigen und ihrem Verhalten ist. „Ich habe das Gefühl, die Welt bewegt sich rückwärts. Und genau dasselbe habe ich in meinem Berufsleben erlebt, als ich ‚Worst Behavior‘ geschrieben habe. Die Menschen, mit denen ich gearbeitet habe, haben meine Vision nicht verstanden und wollten den gleichen Mist mit mir machen, wie sie ihn vor mir schon hundert Mal mit anderen Künstlern gemacht haben. Sie wollten mich in diese Popprinzessinnen-Schublade stecken. Und ich hätte Leute gebraucht, die kapieren, dass ich genau weiß, was ich da tue – so unkonventionell es auch sein mag. Ich wollte keine alten, weißen Männer mehr, die mir erzählen wollen, wie ich mich auszudrücken habe. Dieser Song richtet sich an die Mächtigen dieser Welt und an diejenigen, die damals meine bestimmen wollten. Ihr habt keine Ahnung – und wir sind verdammt sauer.“

Der brillante, ironische Ohrwurm „Loser“ ist „ein Fuck-You-Song an alle coolen Kids auf Instagram mit den ‚coolsten Klamotten‘ und dem ‚coolsten Leben‘“. Alma wurde bereits sehr früh in ihrem Leben klar, dass Geld das Herz nicht glücklich macht. „Wenn es das ist, was einen zu einem erfolgreichen Menschen macht, dann scheiß drauf. Dann bin ich glücklich, ein Verlierer zu sein”.

Die Schönheit des Albums liegt aber weniger in den „Pop Smashs”, sondern vielmehr in den zurückhaltenderen, weniger offensichtlichen Beiträgen. Hier findet Alma den nötigen Raum, ihre persönlichsten Erfahrungen in „Songwriting Gold“ zu verwandeln. Wie z.B. den neuen Song „LA Money”, ein Song über die dunkle Seite der Party-Szene von Los Angeles und deren Falschheit.

„Mama“ ist ihrer Mutter gewidmet. „Sie ist der wichtigste Mensch in meinem Leben und steht hinter jeder Entscheidung, die ich treffe, inklusive dem schlechten Benehmen“, sagt Alma. “I’m not trying to make excuses, but I just can’t explain these bruises.”, singt sie über ihre Verletzungen, die sowohl emotionaler als auch physischer Natur waren. „Als ich zu dieser Reise aufbrach, war ich immer am Partymachen“, erinnert sie sich. „Ich hatte das Gefühl, meine Freunde und Familie im Stich zu lassen. Ich ging nicht mehr ans Telefon, weder bei meiner Mutter noch meinem Vater. Am Ende… musste ich nur einfach wieder dringend zurück nach Hause“. Sie drückte die Reset-Taste und konnte endlich über die zurückliegende Hedonismus-Phase nachdenken, die sie anschließend eindrucksvoll in Musik umsetzte.

Alma wuchs, unzertrennlich von ihrer Zwillingsschwester Anna-Livia, im Norden Finnlands auf. In der Schule war sie eine Außenseiterin und wurde böse gehänselt. „Ich war schon immer eine starke Frau, ich habe schon immer Fußball gespielt und maskuline Dinge gemacht“, sagt sie. „Das kam speziell bei den Jungs gar nicht gut an“. Um den grausamen, sexistischen Sticheleien zu entfliehen, begann Alma bereits im Alter von zehn Jahren, sich in die Musik zurück zu ziehen. Sie verschwand in den Wurmlöchern, die sich ihr dank YouTube auftaten, wo sie die Werke musikalischer Legenden wie Aretha Franklin, Nina Simone und Nancy Sinatra entdeckte. Ihre Mutter fand ihr Verhalten etwas eigentümlich – warum hörte sie nicht einfach HipHop, wie alle ihre Klassenkameraden?

Almas unbeugsamer Drang nach Unabhängigkeit machte sich schließlich im Alter von sechzehn Jahren bezahlt, als sie den Gesangswettbewerb in einer örtlichen Shoppingmall gewann, wo sie einen alten Jackson 5-Hit zum Besten gab. Ein Jahr später sicherte sie sich einen Platz in der Show „Idol“, dem finnischen Äquivalent von „The X-Factor“. Es war für die Teenagerin ein böses Erwachen in einer manipulativen Welt der TV Talent Shows. „Es ging mehr um Entertainment als darum, aus jemandem wirklich einen Musikkünstler zu machen“, erinnert sie sich. „Sie mochten mich nicht und schikanierten mich“. Sie fand schließlich ihren eigenen Weg, es den Produzenten heimzuzahlen – nachdem sie ihr verboten hatten, in der Show klobige Buffalo-Schuhe zu tragen, zog sie sie erst kurz vor der Live-Übertragung an. „Sie haben mich angeschrien“, kichert sie. „Ich habe nicht gewonnen, aber das war auch gut so.“

In eine Nullachtfünfzehn-Form gepresst zu werden, passt schlichtweg nicht zu Almas Natur. Aus diesem Grund ist es für sie so wichtig, die ganze Beinbreite von „Body Types“ in den Visuals zu zeigen, die ihre Arbeit begleiten und ganz ehrlich über ihre queere Identität zu schreiben (mit weiblichen Pronomen und allem Drum und Dran). Über ihre jüngste „Crying-on-the-Dancefloor- Single „Lonely Night” sagte sie kürzlich: „Ich habe lange darauf gewartet, dass andere Gay Artists, bzw. eine weibliche homosexuelle Künstlerin, auftauchen“, sagt sie. „Aber ich habe keine gesehen, also dachte ich mir: ‚Vielleicht muss ich einfach nur mutig sein und darüber reden. Das war nicht einfach für mich, denn ich bin ein Mensch, dem Privatsphäre sehr wichtig ist.“ Es ist ein weiteres Beispiel dafür, wie die Qualitäten, die Alma als Teenager zu einem Außenseiter gemacht haben, nun zu ihren größten persönlichen und künstlerischen Stärken wurden.

Almas Weigerung, bei ihren Ansichten Kompromisse einzugehen, wurde durch Songwriting-Zusammenarbeit mit Miley Cyrus bei dem Song „Mother’s Daughter“ bestärkt (Alma war auch Co-Writer von Mileys frechem, doppeldeutigen Song „Cattitude“). „Wir schrieben ‚Mother’s Daughter‘, als Trump zum Präsidenten gewählt wurde“, erinnert sich Alma. „Ich war verdammt wütend, Co-Songwriter Andrew Wyatt war verdammt wütend und Miley war verdammt wütend. Ich nahm das zum Anlass, den verrücktesten, feministischsten Track zu schreiben“. Die gerechtfertigte Empörung traf auch bei den Musikfans einen Nerv und „Mother’s Daughter“ wurde zu Mileys höchsten Chart-Entry seit 2013.

Auch wenn Alma die Telefonnummern vieler US-amerikanischer A-List-Stars im Handy hat, schlägt sie mit „Have U Seen Her?“ auch eine Brücke zu ihrer finnischen Herkunft. Das soulige „Summer“ ist voller subtiler Hinweise auf ihre Heimat, ein melancholisches „Mea Culpa“, in dem sie gesteht, in den berüchtigt harschen, dunklen Wintermonaten ein „piece of shit lover“ zu sein. „Ich war damals kein cooler Mensch“, sagt sie. „Da gab es ein Mädchen, das mochte ich wirklich sehr und ich sagte zu ihr: ‚Lass uns bis zum Sommer warten, denn dann wirst meine guten Seiten sehen“. Almas Marotten im Liebesleben mögen für jene, die jemals Beziehungs-Trouble hatten, nicht allzu ungewöhnlich erscheinen, doch die offenherzige Art und Weise, wie sie mit diesen Themen umgeht, ist in der Popmusik doch sehr, sehr selten.

Der euphorische Pop-Smash „Bad News Baby” unterstreicht diese Ehrlichkeit (sollte es daran irgendwelche Zweifel gegeben haben). Das Pianohouse-inspirierte Stück entstand an einem Tag im Studio, als Alma das Gefühl hatte, ihre Meinung fände kein Gehör. „Alle waren anderer Meinung als ich“, sagt sie. „Ich sagt dann: ‚Fuck you. Ich erzähle hier meine Geschichte, also setzt euch hin und hört zu. Und ich habe schlechte Nachrichten für euch: ich werde nicht das tun, was ihr sagt“. Und schwupp: ihre rebellische Seite war von einem Augenblick ihrer stahlblauen Augen zum nächsten reaktiviert.

Man sollte Almas Freimütigkeit allerdings als nicht als etwas Anderes deuten als die hundertprozentige Hingabe an ihre Kunst. In Gesprächen spricht sie über Musik wie ein Hell’s Angel über die das freie Leben auf der Straße spricht – es ist weniger ein Interesse als eine Lebenseinstellung. „Manche Leute haben Sport, manche tanzen, manche gehen zur Therapie, andere nehmen Drogen“, philosophiert sie. „Doch ohne Musik und Songwriting wäre ich jetzt ganz bestimmt nicht mehr hier.“

„Wenn dieses Album erscheint, wäre es mein größter Wunsch, dass es all die richtigen Menschen erreicht – aufgeschlossene Menschen, LGBQT+ Leute“, fährt sie mit entschlossenem Tonfall fort. „Mit ist es nur wichtig, dass das, was ich tue, jemanden hilft, furchtlos und ganz sie oder er selbst zu sein“.

Jede Wette, dass Almas komplexe Self-Empowerment-Hymnen genau das bereits jetzt schon tun.

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